Yunnan, Laos - Markus Prenner 2012
 

     

 

Kunming: Nach vollen 24 Stunden Anreisezeit empfängt uns Herr Zhu Xinyan in der Stadt des ewigen Frühlings. Frühling? Dunkle Wolkenkratzer, grelle Lichtreklamen, in gnadenlosen Schleifen geführte Stadtautobahnen.  Wir sollen ihn „Jauce“ nennen, das sei leichter zu merken als Xinyan. „Jauce?“ Ist mir da ein englischer Vorname entgangen? Auch am Sonntag wird gekauft, verkauft, als ob das Wochenende erst bevorstünde, eine chaotische Glitzerwelt in Rot. Kein internationales Label fehlt, wir verlieren uns zwischen  mit Waren aus aller Welt überladenen Regalen des Carrefour-Supermarktes. Ein Nachtmarkt bietet Eßbares in überdachten Standeln, hier speist die Jugend rasch und billig, ein letztes Häppchen wollen wir uns gönnen und verlegen uns auf Zeichensprache; nach viel freundlichem Grinsen landet ein Becher kalte, scharf gewürzte Nudeln auf dem Tischchen. „Doschautien?“ (private lautmalerische Umschrift, nicht die offizielle Pinyin), wieviel kostet das? Sie tippt die Zahl zwölf in den Taschenrechner. Beim Bankomat können nicht mehr als 1000 Yuan behoben werden, ich halte die zehn roten Maos in der Hand: Ob das viel Geld in China sei? „Jauce“ antwortet weise und ausweichend: Es kommt darauf an, wie man es ausgibt. 1000 Yuan entsprechen 120 Euro.

Ein paar Worte zu Jauce  oder Chauce? Er ist „close to fifty“, elf Jahre muß er noch arbeiten, in China könne man mit sechzig in Pension, er ist verheiratet, hat eine Tochter, sein Studium absolvierte er fern der Heimat im Norden. Ob dabei auch englische Literatur gelehrt wurde und was sein Lieblingsautor sei? Dickens ! Deswegen hat er auch den Namen „Chauce“ gewählt. Aha. Mir geht ein Licht auf, jetzt klingt „Chauce“ mehr nach Charles.

Charles gibt beim Goldenen Tempel eine daoistische Lehrstunde, als er bemerkt, daß mir einige Schriftzeichen geläufig sind, wird der Informationsfluß immer dichter, Zhen Wu, Kui Xing, Jin Tong, Yu Nin, etwas viele unbekannte Namen, die da aus der unerschöpflichen Quelle seines Wissens hervorsprudeln. Wenigstens ist uns Lao Zi vertraut, er reitet gemächlich auf einem Wasserbüffel und läßt den Tag kommen, absichtslos sich in jenes ergebend, was sich ergibt. So gesehen wäre das „Dao“ ein „Wasserbüffelweg.“

Durch die um sich greifende Benutzung von Tastaturen werden mehr und mehr Chinesen zu „Teilanalphabeten“, sie erkennen die Schriftzeichen zwar noch, sind also imstande sie zu lesen und zu tippen, aber immer weniger können sie auch korrekt schreiben, bei mangelnder Übung sind zwei- dreitausend Zeichen rascher verlernt als 26 Buchstaben.

Mittagessen ist in China wörtlich zu verstehen, zu Mittag! Das Abendessen ist je nach Region des Riesenreiches, in dem überall Pekinger Zeit gilt, eher ein Dämmerungsdinner, man begibt sich schon ab sechs zu Tisch, sieben ist auch noch in Ordnung, aber acht Uhr wird bereits als späte Zumutung empfunden. Arme Spanier auf Reisen im Reich der Mitte. Ihnen muß die letzte Mahlzeit des Tages wie eine Nachmittagsjause vorkommen. Charles bestellt, wir zahlen mit einem roten Mao, also 100 Yuan, wohlfeile 12 Euro für einen satten Guide, Fahrer und die zwei Langnasen aus Aodili. Charles ersucht,  die Bestätigung behalten zu dürfen, wir gewähren, mag er sein Gehalt dadurch steuerlich etwas auffetten, der wahre Grund für seine Gier nach  Restaurantrechnungen wird erst viel später offenbar.

 

Lijiang: Morgenkaltes Lijiang. Zitternd erwartet uns ein junger Bursche, Sandy sollen wir ihn nennen, sein Englisch klingt holpriger als das von Charles. Vierundzwanzig ist er erst und wollte eigentlich Lehrer werden, aber an sicheren Arbeitsplätzen herrscht heutzutage Mangel. Sandy stammt aus armen bäuerlichen Verhältnissen, die Familie mußte sparen, um dem Sohn das Studium in Kunming zu ermöglichen. Die Kälte macht ihm zu schaffen, er trägt nur ein kurzärmliges Hemd und einen allzu dünnen Anorak, mit Wehmut erinnert er sich der wärmeren Provinzhauptstadt. Gäste aus 44 Ländern hat er schon begleitet, sogar aus Peru. Als Lehrer würde er 2500 Yuan im Monat verdienen, auch nicht gerade viel, während der Erntezeit hilft er den Eltern und muß sie auch finanziell unterstützen, vom Großvater hat er noch einige der alten Dongba-Schriftzeichen erlernt, wie die meisten in Lijiang gehört er zur Ethnie der Naxi. Die circa 1500 Piktogramme werden nur noch von wenigen beherrscht, zumeist sind es Priester. Manche der Schriftzeichen sind auf Anhieb deutbar. „Diskutieren“ und „Krieg führen“ ähneln sich frappierend, zwei Männchen, die Klingen kreuzen.

Es ist zwölf Uhr und da der junge Mann etwas schüchtern wirkt, ist es an mir den Lunchvorschlag zu machen. Er führt uns in ein sauberes, für westliche Besucher geeignetes Lokal, so sagt er, und will sich davon stehlen. Die Agentur wolle nicht, daß die Guides mit den Gästen gemeinsam essen, aber schließlich darf er doch. Drei köstliche Speisen werden von einer unwillig finster blickenden Kellnerin aufgetragen. Die Toilette ist ganz unchinesisch first class, Sandy erzählt eine Touri-Geschichte von Japanern, die ihre Notdurft von Toilette zu Toilette verschoben, bis sie endlich eine ihnen passende Entleerungstätte vorfanden. Japanisch habe er auch versucht zu lernen, aber aufgegeben, er scheiterte vor allem an der Grammatik.

Aus dem alten Stadtkern wurden die Naxi-Leute von der Regierung hinausgekauft, so ist das Ensemble zwar ein einheitlicher Blick in vergangene Wohnkultur, aber andererseits ein Disneyland mit hunderten Souvenirläden, die nicht unbedingt den Naxi gehören. Man gewinnt den Eindruck, daß das offizielle China seine Ethnien ganz besonders hier in Yunnan vermarktet.

 

 

 

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